Des Henly's Rock and Roll Circus

International articles (Denmark, Germany, Spain)

Flash magazin (german)
Sept 19 1973

FUMBLE
Nostalgischer Pomaden-Pop

"Rock'n'Roll Revival Band", dieser Begriff garantiert selbst bei ausdauernden Pop-Enthusiasten inzwischen allenfalls verhaltene Erheiterung. Ein Rudel amateurhafter Bands, das sich auf schludrig gespielte Evergreen-Potpourris ("Nutrocker", "Little Queenie", usw...) beschränkt, hat einem den Spaß daran verleidet. Das reine Zitat, dazu noch schlecht zitiert, scheint als Endprodukt aller Wiederbelebungsversuche etwas matt - jüngstes Beispiel dieser Untugend die stümperhafte Band "Long Tall Ernie" beim ersten "Summer Rock Festival" im Frankfurter Radstadion. Intelligent angepackt, mit zielstrebiger Konsequenz inszeniert, hat ein Rock'n'Roll Revival nach wie vor exaltierten Reiz. Auf zwei Arten scheint es heute denkbar: a) als bewußte Parodie - etwa in der Art der amerikanischen "Sha-Na-Na"-Truppe, die mit ihrem überkandidelten Rock'n'Roll Ballet die Fünfziger-Jahres-Posen parodistisch überzeichnet, b) als authentische Kopie - optisch wie akustisch peinlich exakt nachgearbeitet, wird sie zur Demonstration einer Pop-Epoche. Von der Darbietungsebene gar nicht unähnlich Buffalo Bills Wildwest-Zirkus; zeitlose Legenden, nostalgische Mythen als Tournee-Institution. Altmodischer Rock als überzeitlich aktueller Lasso-Trick. Das englische Quartett "Fumble" gehört in diese zweite Kategorie. Im Auftreten und Aussehen, auf Schallplatten und Plattencover, in Konzerten (bis hin zur Verwendung eigens nachgebauter, veraltet aussehender Verstärker-Boxen) arbeiten die vier Musiker bewußt an einer möglichst authentischen "Rock'n'Roll-Show". (Dieses absichtliche, mediumbewußte Agieren hatte "Fumble" bereits eine Einladung von David Bowie für das Vorprogramm seiner Tourneen eingebracht.) Das Resultat der "Fumble"-Bemühungen: keine "Revival"-Scharlatanerie, kein halbherziger Aufguß, sondern ein überzeugendes Rock'n'Roll-Faksimile.
Anreiz für unseren Mitarbeiter Bert Hensel zu einem belustigenden Portrait: Wer die Hülle der ersten "Fumble"-LP sieht, kann die Musik bereits optisch vorausahnen: zu sehen ist ein Wohnzimmer der fünfziger Jahre, penibel rekonstruiert als scheußlich schöne Oase damaliger Teenager-Behaglichkeit.
Die "Who" besangen das "teenage waste land" der siebziger Jahre; die pubertäre Einöde der fünfziger Jahre ist auf dem "Fumble"-Cover stilecht bewohnt; abstrus gemustertes Mobilar, emailierte Aschenbecher, Gummibaum und Popcorntüte bestimmen die Szenerie, darin ein Rock'n'Roll-Pärchen auf der Couch beim Mono-Schallplattengenuß. Sie mit Pferdeschwanz, Herz-Medaillon-Umhänger, weißen Söckchen, er mit Schmalztolle, fettigem Kamm in palmenbedruckten Oberhemd, Hochwasser-Blue-Jeans, und wo er bei seiner Freundin hinlangt, haben "Fumble" ihren Namen her.
Das britische Quartett "Fumble" interpretiert die Rock'n'Roll- und Popmusik der fünfziger Jahre so originalgetreu, daß einem der Aufdruck "Stereo" auf dem Plattenetikett schon wie ein grober Stilbruch aufstoßen mag. (In einer Version sehe ich Star-Produzent Phil Spector, wie er jedem einzelnen "Fumble"-Musiker ehrend einen Ansteck-Button "Back To Mono" an die Brust heftet.)
Nachdem die neuerwachte Sehnsucht nach altem, die vielzitierte Nostalgie, sich inzwischen zum aktuellen Modetrend ausgewuchert hat, mag "Fumbles" ("live" wie auf Platte glänzend gespieltes) Rock-Revival von Buddy Holly, Roy Orbison und Elvis Presley kaum mehr Verwunderung hervorrufen, eher aber amüsiertes Lächeln. Üppigen Beifall erhielten Des Henly (Leadgitarre, Gesang), Sean Mayes (Piano, Gesang), Mario Ferrari (Baß, Gesang) und Barry Pike (Schlagzeug) am 22. Juli im Frankfurter Radstadion. Im Zuge des von "MAMA"-Concerts veranstalteten zweiten "Summer Rock Festival" war der "Fumble"-Sound mit stilistisch aktuelleren Gruppen durchaus konkurrenzfähig. Danach begleitete "Fumble" noch, kurzfristig vereinbart, Altmeister Chuck Berry (der in seiner bekannt listigen Verquickung von "Hail, hail, Rock'n'Roll!"-Euphorie und amerkianischem Business-Geist damit wieder einmal die Ausgaben für die eigene Begleitband gespart hatte. But that's another story...)
Dagegen ermöglicht die erste "Fumble"-LP (eine zweite steht kurz vor Vollendung) eigene Freiräume - man kann beispielsweise mit einem Hula-Hopp-Reifen kreativ dazu schäkern.